Heile, heile Gänsje: Schmerzen „weg“-konditionieren

Stellen Sie sich vor: Sie stoßen sich den Kopf an. Das tut natürlich weh. Wenn ich Ihnen jetzt mit dem Hammer auf den Daumen hauen würde, dann tut Ihnen der Daumen auch noch weh. Gleichzeitig wird das aber dazu führen, dass der Schmerz am Kopf abnimmt. Der zweite Schmerzreiz blockiert Ihrem Nervensystem den ersten Schmerz. Genau das ist die Idee hinter einem Experiment, dass Forscher jetzt in der Fachzeitschrift PLOS One veröffentlicht haben.

Ein Schmerz verdrängt den Anderen

Dazu haben Versuchspersonen zunächst leichte Stromstöße am Fuss erhalten (die schmerzhaft, aber nicht gefährlich waren). Dann sollten die Versuchspersonen die Schmerzintensität bewerten, zusätzlich wurde die Stärke der Muskelkontraktionen gemessen als Indikator für Schmerz. Anschließend sollten die Versuchspersonen ihre Hand in Eiswasser tauchen. Das führte zum Nachlassen des Schmerzes am Fuss. Es hört sich auf den ersten Blick wenig sinnvoll an, einen Schmerz mit einem anderen zur ersetzen. Die Idee der Forscher war aber, diesen Effekt mit der klassischen Konditionierung zu kombinieren.

Linderung von Schmerz lässt sich konditionieren

Das Prinzip der klassischen Konditionierung geht auf Pawlow zurück: Bei seinen Hunden führt nach entsprechendem Training bereits das Läuten einer Glocke (was darauf hindeutete, dass jetzt Futter zu erwarten war) zu einem erhöhten Speichelfluss.

Dieses Prinzip wollten die Forscher nutzen und haben den Versuchspersonen beim Eintauchen der Hand ins Eiswasser über Kopfhörer einen Klingelton vorgespielt. Tatsächlich genügte es bereits nach dem sechsten Durchlauf (Stromstoß – Eiswasser – Klingeln) nur noch den Klingelton vorzuspielen (Stromstoß – Klingelton), um die Schmerzen im Fuss subjektiv zu lindern. Auch die objektive Messung des Schmerzes über die Muskelkontraktionen oder die Verzerrung des Gesichtes zeigte eine Linderung der Schmerzen im Fuss durch das Hören des Klingeltones.

Erkenntnisse für die Praxis

Die Studie zeigt, dass die klassische Konditionierung eine wirksame Methode ist, um Schmerzen zu lindern. Das Nachlassen des ersten Schmerzreizes (in der Studie zunächst verursacht durch den zweiten Schmerzreiz) wird also verknüpft mit einem weiteren Reiz (der konditionierte Reiz, in diesem Fall der Klingelton). Nach einem kurzen Training genügte bereits der konditionierte Reiz, um die Schmerzen zu lindern. Das Ergebnis legt aber auch den umgekehrten Schluss nahe: Das schnelle „Verlernen“ des Schmerzes über klassisches Konditionieren kann möglicherweise auch erklären, wie Schmerzen verstärkt und aufrechterhalten werden.

Quelle: DocCheck

Wer schreibt hier?

Johannes ist Professor für Wirtschaftspsychologie in Stuttgart und Geschäftsführer der ich.raum GmbH. Er schreibt auf ichraum.de zu den Themen Coaching, Führung und Psychologie.

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