ich.raum Coaching-Modell: Ziele, Werte und Beliefs in Balance

Aus dem ich.raum Coaching-Modell ergibt sich zum einen die Struktur der ich.raum Coaching-Ausbildung, zum anderen leitet sich daraus mein Selbstverständnis als Coach und Lehrcoach ab. Es ist die Grundlage für die von mir eingesetzten Coaching-Interventionen.

Was macht einen Menschen einzigartig?

In der Psychologie gibt es eine ganze Disziplin, die sich mit der Persönlichkeit eines Menschen beschäftigt. Die Persönlichkeitspsychologie oder differentielle Psychologie beschreibt und untersucht Unterschiede von Menschen: Was unterscheidet einen Menschen von einem anderen? Was macht ihn einzigartig?

Es gibt viele unterschiedliche Theorien und Modelle, die erklären, wie sich die Persönlichkeit eines Menschen entwickelt, und wie Unterschiede zwischen Menschen zu erklären sind: Von psychoanalytischen Modellen, die frühkindliche Triebregulation und unbewusste Prozesse beschreiben, bis zu evolutionsbiologischen Erklärungen, die Unterschiede zwischen Menschen als Folge von Selektion oder Spezialisierung beschreiben. Was also macht die Persönlichkeit eines Menschen aus?

Werte, Ziele und Beliefs

Das ich.raum Coaching-Modell verwendet den Begriff Persönlichkeit, um das Netzwerk aller Werte, Ziele und Beliefs einer Person zu beschreiben. Was einem Menschen wichtig und wertvoll ist (Werte), was ein Mensch erreichen will (Ziele) und was ein Mensch glaubt über sich und die Welt (Beliefs), macht seine Persönlichkeit aus. Die eigene Persönlichkeit ist dabei nicht statisch und unveränderbar, sondern entwickelt sich ständig weiter. Auslöser für die Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit sind oft äußere Veränderungen, wie ein neuer Beruf, ein anderes soziales Umfeld oder eine Krankheit oder Krise. Zentral ist also, dass die Persönlichkeit nicht losgelöst zu beschreiben ist, sondern nur im Zusammenhang mit ihrer Umwelt zu verstehen ist. Typischerweise beginnen Menschen genau dann, sich mit der eigenen Persönlichkeit auseinanderzusetzen, wenn es zu einem Konflikt kommt zwischen dem, was gerade von außen her passiert, und dem, was ein Mensch im Inneren möchte.

 

Werte, Ziele und Beliefs in Balance

Im Coaching geht es immer auch um die eigene Persönlichkeit des Coachee, also um die individuellen Werte, Ziele und Beliefs. Die drei Elemente der eigenen Persönlichkeit – Werte, Ziele und Beliefs – hängen voneinander ab und beeinflussen sich gegenseitig. Bestimmte Beliefs können das Erreichen eines Ziels verhindern, ein neues Ziel kann die Bedeutung einzelner Werte verändern, ein Wert kann für das Erreichen eines Ziels hinderlich oder förderlich sein. Sie können sich die drei Aspekte wie drei Ecken eines gleichseitigen Dreiecks vorstellen. Wenn sich eine Ecke in eine bestimmte Richtung verschiebt, müssen sich auch die anderen Ecken verschieben, damit das Dreieck im Gleichgewicht bleibt.

Dieses Zusammenspiel der drei Elemente, die unsere eigene Persönlichkeit ausmachen, ist also äußerst dynamisch. Es ist ständigen Veränderungen unterworfen. Sie sind dem Wechselspiel von Werten, Zielen und Beliefs, und den Umwelteinflüssen, die dieses Wechselspiel beeinflussen, aber nicht hilflos ausgeliefert. Wenn Sie Ihre eigenen Ziele, Werte und Beliefs kennen, dann bemerken Sie schneller, wenn Sie die Balance verlieren. Oft hilft es schon weiter, zu verstehen, woher ein Ungleichgewicht kommt und warum Sie deshalb in einer bestimmten Weise reagieren.

Im nächsten Schritt können Sie bzw. Ihr Coachee gezielt etwas dafür tun, die Balance zu halten oder wiederzufinden. Sie können zum Beispiel ein Ziel an die eigenen Werte anpassen oder Beliefs, die Sie beim Erreichen eines Ziels behindern, verändern.

Ihre Emotionen als persönlicher Coach

Sie können sich Linien zwischen den drei Elementen Werte, Ziele und Beliefs vorstellen, die Ihre Emotionen visualisieren. Wie ein persönlicher Coach helfen sie Ihnen, zu entscheiden, ob alles in Ordnung ist, oder wo noch etwas im Ungleichgewicht ist. Spannend ist dabei, dass Emotionen sich evolutionsbiologisch betrachtet in einem sehr alten Teil unseres Gehirns verorten lassen. Das kann ein Grund dafür sein, dass Emotionen oft schneller und zuverlässiger funktionieren, als das bewusste Nachdenken über ein Problem, eine Entscheidung oder eine unangenehme Aufgabe. Sie können lernen, Emotionen als wertvolle Helfer zu nutzen. Und: In der Ausbildung werden Sie noch viele Ideen und Methoden kennenlernen, wie Sie Emotionen in einem Coaching-Prozess nutzen können.

Prävention: Damit Sie in Balance bleiben

Sich mit der eigenen Persönlichkeit – also den eigenen Werten, Zielen und Beliefs – auseinander zu setzen, ist eine wichtige präventive Maßnahme. Sie treiben Sport, um sich fit zu halten, Sie gehen zum Arzt, um körperliche Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und behandeln zu können, Sie studieren oder machen eine Ausbildung, um einen gewinnbringenden Beruf ausüben zu können. Genau so wichtig ist die Prävention, wenn es um Ihre mentale oder psychische Gesundheit geht. Das ist die Grundidee von Coaching: Sie unterstützen sich selbst bzw. Ihren Coachee auf dem Weg in Richtung persönliche Balance.

Warum bin ich, was ich bin?

Letztlich geht es darum,  Ihre persönliche Antwort auf diese Frage zu finden. Ihre Persönlichkeit hängt von Ihren Genen, von bisherigen Erfahrungen, Ihrer Erziehung, der Gesellschaft, in der Sie leben, Ihrem Beruf und von vielen anderen Dingen ab. Ihre eigene Persönlichkeit ist deshalb nicht frei und beliebig formbar. Sie ist aber in großem Maße flexibel und anpassungsfähig. Sie können Ihre eigenen Werte, Ziele und Beliefs gestalten. Für manche Menschen ist das eine verblüffende Entdeckung. Denn: Die Frage „Warum bin ich, was ich bin?“ beantwortet jeder für sich selbst, auf seine eigene Weise.

Repräsentationsebenen

Im ich.raum Coaching-Modell werden zunächst Inhalte vorgeschlagen, mit denen sich Persönlichkeit beschreiben lässt: Ziele, Werte und Beliefs. Diese Inhalte können mental unterschiedlich repräsentiert sein: Mit Sprache, mit Bildern und mit Gefühlen.

PSI-Theorie von Julius Kuhl

Die PSI-Theorie von Julius Kuhl nimmt unterschiedliche Gedächtnissysteme an, mit denen sich Persönlichkeit beschreiben lässt. Zwei davon sind relevant für die Frage, wie Werte, Ziele und Beliefs mental repräsentiert sind. Ich nenne diese beiden System Kopfgehirn und Bauchgehirn (bei Kuhl heißen sie Extensionsgedächtnis und Intensionsgedächtnis).

Ich illustriere diese Idee am Beispiel von Zielen: Im Kopfgehirn werden bewusste Absichten geplant und angestoßen. Das Kopfgehirn geht Herausforderungen analytisch an. Probleme werden schon im Vorhinein erkannt und durchdacht, auch wenn noch kein akuter Handlungsdruck besteht. Im Kopfgehirn werden positive Emotionen („Am liebsten würde ich sofort loslegen“) zunächst unterdrückt, damit wir eine Entscheidung erst durchdenken, bevor wir aktiv werden. Ziele werden bewusst gebildet, das erwünschte Ergebnis ins Auge gefasst. Auch wenn Schwierigkeiten auftreten, hält das Kopfgehirn eine einmal gefasste Intention aufrecht. Entscheidungen im Kopfgehirn laufen langsam und ohne dass unsere Emotionen hier berücksichtigt werden.

Im Bauchgehirn sind alle unsere Erfahrungen, Bedürfnisse, Normen und Werte gespeichert. Das Bauchgehirn hat eine enge Anbindung an das autonome Nervensystem. Das führt dazu, dass z.B. ein Geruch oder ein Bild sehr schnell Erinnerungen und Emotionen hervorrufen kann. Das Bauchgehirn arbeitet schneller als das Kopfgehirn. Auch in komplexen Situationen kann das Bauchgehirn intuitiv entscheiden, weil es auf dem unbewussten Erfahrungsschatz aufbauen kann, der uns zur Verfügung steht.

Die Vorstellung, dass wir zwei Gehirne haben, ist neuro-anatomisch gesehen Unsinn. Dahinter stehen unterschiedliche Strategien, um Informationen zu verarbeiten. Beide Gedächtnissysteme sind in ein und demselben Gehirn angesiedelt. Diese beiden Systeme sind auch nicht eindeutig an zwei unterschiedlichen Orten im Gehirn zu lokalisieren. Auch die Vorstellung, es handle sich um zwei getrennte anatomische Einheiten im Gehirn ist vermutlich falsch. Für die beiden Strategien zeigen sich in unterschiedlichen Gehirnregionen unterschiedliche Aktivierungsmuster. Das ist ein Hinweis darauf, dass es sich um zwei unterschiedliche Strategien handelt, Informationen mental zu verarbeiten. Die Begriffe Bauchgehirn und Kopfgehirn sind ein Hilfsmittel, um unterschiedliche mentale Strategien zu beschreiben, und gezielt nutzen zu können.

Repräsentationsebenen

Die beiden Gehirnen (bzw. zwei Strategien, Informationen zu bearbeiten) nehmen also unterschiedliche Arten von Informationen wahr und verarbeiten diese: Körperliche Informationen und symbolische Informationen. Diese Einteilung basiert auf der Multiple Code Theory, die von der Psychoanalytikerin Wilma Bucci entwickelt wurde.

Symbolische Informationen werden bewusst bearbeitet. Hierzu gehören in erster Linie gesprochene oder geschriebene Wörter, mit denen wir direkt kommunizieren. Das Kopfgehirn verarbeitet symbolische Informationen. Bleiben wir beim Beispiel Ziele: Im Kopfgehirn werden Ziele bewusst bewertet, Für und Wieder sorgfältig abgewogen und dann eine konkrete Strategie eingeleitet. Körperliche Informationen werden unbewusst bearbeitet. Damit sind Körpergefühle, Empfindungen und Emotionen gemeint. Das Bauchgehirn verarbeitet diese körperlichen Informationen. Ob ein Ziel erstrebenswert ist oder nicht und ob es zu mir und meiner Persönlichkeit passt, wird vom Bauchgehirn mit sogenannten somatischen Markern wahrgenommen. Hier handelt es sich um „Bauchgefühle“, die keine differenzierte Bewertung vornehmen, sondern nur zwischen gut oder schlecht, richtig oder falsch, angenehm oder unangenehm entscheiden.

Die Bilder des Herzgehirns als Schnittstelle

Zwischen symbolischen und körperlichen Informationen lässt sich eine dritte Informationsart beschreiben, die bildhafte Information. Ein Beispiel ist die Erinnerung an den letzten Urlaub: Die bildhafte Information bezieht sich auf den Blick über die Dünen aufs Meer, das Rauschen der Wellen, das Gefühl von Sonne auf der Haut und den Geschmack von frischem Fisch. Diese Art der Information ist ebenfalls symbolisch, sie arbeitet aber nonverbal mit Bildern. Hier werden visuelle (sehen), auditive (hören) und kinästhetische (bewegen, berühren) Reize verarbeitet. Auch das Verarbeiten von Geruch (olfaktorisch) und Geschmack (gustatorisch) lässt sich als bildhafte Information beschreiben. Der Begriff bildhafte Information bezieht sich nicht nur auf visuelle Informationen, also den Sinneskanal sehen. Auch die anderen Sinnessysteme (auditiv, kinästhetisch, olfaktorisch und gustatorisch) sind Teil des wahrgenommenen Bildes.

Im ich.raum Coaching verwende ich hierfür die Metapher des Herzgehirns. Im Herzgehirn entstehen Visionen und Vorstellungen, die zwischen Kopfgehirn und Bauchgehirn vermitteln. Sie können sich das wie eine Sprache vorstellen, die von Bauchgehirn und Kopfgehirn verstanden wird. Der symbolische Informationscode des Kopfgehirns, und der körperliche Informationscode des Bauchgehirns lassen sich über den bildhaften Code des Herzgehirn verbinden.Diese Idee wird Ihnen im ich.raum Coaching immer begegnen.

Beispiel: Ihr letzter Urlaub auf drei Ebenen

Erinnern Sie sich an den letzten Urlaub. Das Kopfgehirn denkt dabei an Fakten, z.B. die Frage was der Urlaub gekostet hat, wie weit der Urlaubsort vom Heimatort entfernt ist, und wie lange der Urlaub ging. Das Bauchgehirn fühlt sich gut, bei der Erinnerung an den Urlaub und genießt das Gefühl von Entspannung und Ruhe. Das Herzgehirn kann genau beschreiben, was das Besondere am Urlaub war und hat die schönsten Bilder noch im Kopf.

Quellen und weiterführende Literatur

Bucci, W. (1997). Psychoanalysis and cognitive science: A multiple code theory. New York: The Guilford Press.

Kuhl, J. (2001). Motivation und Persönlichkeit. Interaktionen psychischer Systeme.  Göttingen: Hogrefe.

Martens, J. U., & Kuhl, J. (2009). Die Kunst der Selbstmotivierung: neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen. Stuttgart: W. Kohlhammer Verlag.